Sie las bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur und wurde zur Carinthischen-Sommer-Festivalschreiberin gekürt. Nun gewann Tara Meister den 18. Kärntner Lyrikpreis der Stadtwerke Klagenfurt.
Von Sebastian Grayer, März 2026
Sie
schaltet die Lampe ein und warmes Licht legt sich über ihr Gesicht. Neben ihr
steht ein kleines Radio, das die Stille mit Melodien ausfüllt. In der Mitte
dieses Arrangements nimmt die 28-jährige Tara Meister in Berlin Platz, gekleidet
mit weißem Hemd und braunem Sakko, die Finger bestückt mit silbernen Ringen.
„Für mich ist es eine Ehre, den Kärntner Lyrikpreis entgegennehmen zu dürfen“,
richtet sie in einem Video nach Kärnten aus. Im heimatlichen Süden lebt ihre
Familie „und viele Menschen, die für mich wichtig sind, aber auch für das
Schreiben.“ Dafür entschied sich Meister schon sehr früh, fand ihr Vater doch jüngst
das Freunde-Buch einer ihrer jüngeren Schwestern. „Und da schrieb ich als
13-Jährige Ärztin und Schriftstellerin hinein.“ Ein frühes Bekenntnis zu
Literatur und Medizin gleichermaßen, zwei Bereiche, die sich am Ende die Waage
halten: „Natürlich wird einmal das eine Priorität haben und einmal das andere.
Aber ich stelle mir vor, einen Arbeitsalltag mit Medizin zu schaffen, wo man
Zeit zum Schreiben findet.“
_Christiane%20G..jpg) |
| (c) Christiane G. |
Das mit dem Schreiben ist ohnedies eine eigensinnige Sache, „weil es keiner ökonomischen Logik folgt, andere Zeitlichkeit hat und es andere Räume sind.“ Mit Tara Meister kommt der Gedanke in die Welt, in der Stille schaffend nach vorne zu schauen, fern der lärmenden Welt sich die Frage nach der Form wiederholt zu stellen, auch wenn sie womöglich gar nicht zu beantworten ist. „Ich habe mal gehört, die Lyrik sei die letzte Instanz vor dem Verstummen. Und ich glaube schon, dass es eine Form ist, wo man sich einer Sache mit Sprache nähert, die fast nicht mehr zu greifen ist, weil es sich nicht mehr in ganzen Sätzen erzählen lässt.“ Das Schreiben hat bei ihr seit jeher die Gestalt von mäandernden Bewegungen um Gewalt, Geschlecht, Chancenverteilung oder etwa Marginalisierung und Körper. „Auf jeden Fall feministische Themen, die sich immer auch mit Sprache auseinandersetzen. Sprache als Instrument, das Wirklichkeit schafft.
Bachmann und Lavant als Wortmütter
Erhebt Tara Meister Ingeborg Bachmann und Christine Lavant zu ihren beiden Lyrik-Wortmüttern, so äußert sie mit ihnen auch einen persönlichen Anspruch: „Es ist ein konsequentes Ausprobieren und ewig-dauerndes Wahrnehmen.“ Als einen „durchlässigen Menschen“ hört man die Kärntnerin sich selbst beschreiben, „auf den Beobachtungen und Begegnungen sehr intensiv einwirken.“ Eindrücke prallen nicht an ihr ab, sie setzen sich fest. „Und es ist eine ganz eigene Art von Konzentration, weil es dann so um jedes Wort in den Texten geht. Anders funktioniert es auch nicht.“ Szenen, Dialoge, Gesichter – vieles begleitet sie noch lange, bleibt im Kopf hängen und hinterlässt Spuren. So wird auch das Krankenhaus für sie zu einem Ort verdichteter Begegnungen, Nähe entsteht hier in einer Intensität, die im Alltag kaum denkbar wäre. Diese Überfülle an Wahrnehmungen ist ihr Reservoir. Schreibende zu sein, meint Meister, bedeute für sie auch, sich der Welt auszusetzen: bewusst Situationen aufzusuchen, Herausforderungen anzunehmen, sich auf fremde Lebensrealitäten einzulassen, und „unterschiedliche Menschen- und Lebensrealitäten kennenzulernen.“
Am Ende geht es um jedes Wort
Sie hegt auch keine falschen Vorstellungen über die Wirkmächtigkeit der Literatur, das weist sie zurück. „Ich glaube nicht, dass die Literatur irgendwas retten muss.“ Dafür seien die Dinge, die heute auf dieser Welt in Schieflage sind, zu übermächtig. Aber Verantwortung gebe es trotzdem, gerade im Vorgang des Erzählens. „Denn in einer Zeit, in der so viele Narrative und Erzählungen missbraucht werden, muss man sich bewusst überlegen, welche Bilder man in die Welt trägt. Und welche Bilder diejenigen sind, die fehlen“, denn Fantasie sei kein individuelles Werk. „Die Menschen“, sagt Tara Meister, „sind angewiesen darauf, dass ihnen andere Bilder und vor allem Utopien eröffnen, auf die sie allein nicht gekommen wären.“ Daher glaube sie durchaus, dass es eine Verantwortung gebe, ja.
Ein fulminanter Abschluss
Als dann Josef Winkler zum Telefon griff und sie in Berlin erreichte, brauchte es eine Weile, bis sie begriff, was überhaupt vor sich geht „Ich konnte es nicht glauben, weil die letzten Monate schon so verrückt waren.“ Meister meint die Tage der deutschsprachigen Literatur, wo sie für ihren Text Wakashu oder mit einem zweimonatigen Stipendium am Ossiacher See ausgezeichnet und damit zur Carinthischen-Sommer-Festivalschreiberin gekürt wurde. Auch viele Türe haben sich ihr seitdem geöffnet. „Und diese Bestärkung und Bestätigung zu erleben ist großartig, weil es oft Momente gibt, wo man allein mit dem Schreiben in einer Welt ist, in der alles gegenläufig scheint und das Schreiben wie eine abstruse, widersprüchliche Idee wirkt.“